Buch zum Cyber Valley

Cyber Valley - Unfall des Wissens
Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen - Am Beispiel Tübingen
ISBN: 978 3894387228
Papyrossa-Verlag (2020), 164 S., 14,90 €
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"So allgegenwärtig das Thema KI ist, so unüberschaubar bzw. schwer greifbar sind allerdings die vielen diesbezüglichen Impulse, die aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Militär in die Gesellschaft wirken. Marischka gelingt es auf bemerkenswerte Weise, diese komplexen Sachverhalte darzustellen, klar zu benennen und damit einen fruchtbaren Boden für eine kritische Betrachtung der KI-Forschung und -Entwicklung sowie deren gesellschaftlichen Auswirkungen zu bereiten […]
Marischka hat mit »Cyber Valley – Unfall des Wissens: Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen« ein sehr informatives und gleichzeitig unterhaltsames Sachbuch geschrieben – ein Spagat, an dem viele andere scheitern."
Tom Gruber in W&F 1/2020.

Zum Inhalt:

Unfall des Wissens - BuchcoverKünstliche Intelligenz (KI) ist das Thema der Gegenwart und als solches formt es die Zukunft. Der Staat propagiert sie, die Industrie forciert sie und die Bevölkerung nutzt sie. Erstere reden von einer Revolution, letztere erwarten keine großen Veränderungen.

Schauen wir uns an, wo sie erforscht wird, wer von Anfang an dabei ist und wer nicht. Schauen wir auf das beschauliche Universitätstädtchen Tübingen. Hier soll Amazon ansiedeln, hier soll ein Top-Standort für KI-Forschung weltweit entstehen. Man baut hier Forschungslabore statt Wohnungen; man hofft auf den Boom; man lügt wie gedruckt.  

Vielleicht war es zu viel Zukunft für einen kleinen Ort. Man wollte als Standort „viral gehen“, glänzen durch Popularität. Man baute einen Erlebnispark für Risikokapital. Man baute einen Forschungcampus. Und es regt sich Protest.

Die Wissenschaft fusioniert hier mit der Wirtschaft: Gemeinsam testen sie Datenbanken und Infrastrukturen mit irgendwelchen Daten und verkaufen uns das als Vergangenheit der Menschheit, Zukunft der Technik oder Aufbau der DNA. Sie meinen, alles bewiesen zu haben, weil sie es berechnet haben. Woher sie das nehmen, liegt im Dunkel der Datenbanken - die wir ohne ihre Hilfe nicht mehr entschlüsseln können.

Der Verlag hat das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe veröffentlicht. Auf diesem Blog werden begleitend die Online-Quellen zum Buch dokumentiert.

Lesungen / Vorträge

12.11.2019, Tübingen, Cafe Willy, 18:00h
Pre-ReleaseLesung im Rahmen des Generate! - Festival für elektronische Künste

23.11.2019, Bremen, Uni (MZH), 12:30h
Vortrag (mit Dominik Wetzel) im Rahmen der FIFFKON2019 "Künstliche Intelligenz als Wunderland"

30.11.2019, Tübingen, Schlatterhaus, 12:00h
Blockbildung durch Technologie Vortrag im Rahmen des IMI-Kongresses "Rüstung Digital"

5.12.2019, Köln, Kunsthochschule für Medien, 14:00h
Vortrag und Diskussion im Rahmen des Seminars Einführung in die Programmierung Künstlicher Intelligenzen

13.2.2020, bundesweit, Leseprobe bei Labournet.de.

19.02.2020, Essen, VHS, 19:00h
Digitalisierung und moderne Kriegsführung

6./7.3.2020, Berlin, Franz-Mehring-Platz 1, Vortrag im Rahmen des Jahreskongresses der Neuen Gesellschaft für Psychologie

17.-19.4.2020, Freiburg, Anarchist Book Fair. (coronabedingt ausgefallen)

19.9.2020, Stuttgart-Sillenbuch, Vortrag im Rahmen des Seminars Die Digitalisierung des Krieges und der Kriegsvorbereitung der Marx-Engels-Stiftung.

25.10.2020, Freiburg, Anarchist Book Fair.

17.10.2020, Frankfurt, Gegenbuchmasse (Cafe Exzess)

Resonanz und Rezensionen

Ronald Kohl: "Wie man eine Stadt gefügig macht", in junge Welt (6.7.2020) [link]

»Das war ein Punkt, den Marx nicht sehen konnte«, sagte Heiner Müller vor dreißig Jahren einmal in einem Interview. »Die Technik nimmt den Platz der Politik ein, und sie liquidiert die Politik.« Mit welch simplen Tricks in der altehrwürdigen Universitätsstadt Tübingen der politische Wille in den vergangenen Jahren den Wünschen der Industrie angepasst wurde, beschreibt der Politikwissenschaftler Christoph Marischka in seinem Buch über das »Cyber Valley«, das dortige Zentrum für künstliche Intelligenz.

Matthias Becker: "Cyber Valley" in: konkret 3/2020 ([pdf] mit freundlicher Genehmigung der Redaktion):

"[...] Diese faktenreiche Analyse liegt quer zu gängigen Ansichten. Zum Beispiel ist die Digitalisierung keineswegs irgendwelchen Nerds zu verdanken, die in ihrer Garage vor sich hin basteln. Ohne staatliche Förderung, die wiederum maßgeblich militärischen Interessen diente, gäbe es heute kein Internet, Facebook, Amazon und auch kein Alpha-Go. »Überlegene KI« gilt mittlerweile als Schlüssel zur Weltherrschaft und Prosperität, daher wird ihre Förderung ein Kernanliegen des nationalen Wettbewerbsstaats. Er fördert die Vernetzung von Unternehmen, halbstaatlichen und öffentlichen Forschungseinrichtungen (in Deutschland etwa mit der »Nationalen KI-Strategie«) mit »Hubs«, »Forschungscampi« und »Clustern«. Als Beispiel für diese Tendenz dient dem Autor das »Cyber Valley« – von der schwäbischen Lokalpresse »Standfordle« getauft –, in dem die Unis Stuttgart und Tübingen, die Max-Planck-Gesellschaft, Automobil- und Rüstungsindustrie und sogar Amazon kooperieren (sollen). »Angetrieben durch die staatliche Förderung rücken Wissenschaft, Politik, Industrie und auch das Militär wieder näher zusammen« – eine Tendenz, die in der internationalen Wirtschaftspresse übrigens als »Techno-Nationalismus« und »digitale Souveränität« verhandelt wird [...]"

Tom Gruber: "Cyber Valley – Unfall des Wissens" in: Wissenschaft und Frieden (W&F) 1/2020 ([pdf] mit freundlicher Genehmigung der Redaktion):

„[…] Das Timing der Publikation, das wird schon bei der Lektüre der ersten Seiten klar, passt perfekt: Die Idee, dass sich mittels Künstlicher Intelligenz (KI) als »disruptiver Technologie« politische und wirtschaftliche Vorherrschaft durch einzelne Staaten und Unternehmen erlangen ließe, ist allgegenwärtig. So allgegenwärtig das Thema KI ist, so unüberschaubar bzw. schwer greifbar sind allerdings die vielen diesbezüglichen Impulse, die aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Militär in die Gesellschaft wirken. Marischka gelingt es auf bemerkenswerte Weise, diese komplexen Sachverhalte darzustellen, klar zu benennen und damit einen fruchtbaren Boden für eine kritische Betrachtung der KI-Forschung und -Entwicklung sowie deren gesellschaftlichen Auswirkungen zu bereiten […]

Der Autor stellt der Ideologie der Kybernetik, der Technisierung und Ökonomisierung von Wissenschaft und Gesellschaft vielseitige und wichtige Positionen gegenüber. Dabei bedient er sich sowohl rein theoretischer Ansätze (wie der Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour) als auch gesellschaftsbezogener Positionen von Wissenschaftler*innen (wie Joseph Weizenbaum oder Cathy O‘Neil). Die staatlichen und wirtschaftlichen Bemühungen um Künstliche Intelligenz werden in Bezug gesetzt zur kapitalistischen Verwertungslogik, der sie stets unterliegen. Marischka greift damit das herrschende Narrativ zum Fortschrittszwang in der Technik im Allgemeinen und in der KI im Speziellen offen an und stellt ihm äußerst valide Positionen aus Gesellschaft, Sozialwissenschaften und von MINT-Forscher*innen entgegen. Auch ein Ausblick, wie den derzeitigen alarmierenden Entwicklungen begegnet werden kann, fehlt nicht und rundet das Buch hervorragend ab.“

Radio Corax: Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen. Audio-Interview (13 min) vom 24.02.2020.

Schattenblick: Digital - Kontrollverlust ... Christoph Marischka im Gespräch (SB).

Olaf Arndt: Militärischer BUMMER, Telepolis vom 8.12.2019:

Hierbei handelt es sich um einen Bericht der FIFFKon und des IMI-Kongresses, angereichert um weitere Hintergründe und einigermaßen zugespitzt. Zum Buch heißt es dort: "Marischkas vor wenigen Tagen bei PapyRossa erschienenes Buch Cyber Valley - Unfall des Wissens. Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen ist dringend zur Lektüre empfohlen. Sein Vortrag zeigt deutlich, wie mit dem Schlagwort von der "Sprunginnovation", die wir angeblich brauchen, um nicht vom Osten her überrollt zu werden und zur Bedeutungslosigkeit von Vasallenstaaten anderer Großmächte abzusinken, alles über Bord gefegt wird, was zum Kanon humanistischer Bildung und gesicherter Rechtsstaatlichkeit zählt."